Die Behandlung in einer Kältekammer ist eine Therapiemöglichkeit vor allem bei Psoriasis arthritis, aber manchmal auch bei der Schuppenflechte der Haut. Zittern und Bibbern bei minus 110 Grad soll den chronischen Beschwerden entgegenwirken. Das klingt unglaublich, doch die Mutigen, die es bereits gewagt haben, wurden mit positiven Ergebnissen belohnt.
Ablauf in der Kätekammer
Im Immanuel-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf stand vor fast zehn Jahren die erste Kältekammer Deutschlands. Frank Ruppenthal, Leiter der Abteilung Physiotherapie, weiß: "Die Kryotherapie wird seit dem Altertum angewendet." In der Antike hätten sich die Ärzte Eis vom Olymp mitbringen lassen, um Kranke zu behandeln.
Heute geht die Behandlung moderner zu. Die Kältekammer ist ein Raum mit einer Größe von zwei bis vier Quadratmetern. In diesem Raum herrscht eine Temperatur von zwischen minus 70 und minus 80 Grad Celsius. Zudem ist die Luftzirkulation regulierbar. Dies gewährleistet einen individuell gestaltbaren Wärmeentzug der Haut.
Der angenehm beleuchtete Raum ist praktisch ohne Luftfeuchtigkeit und somit extrem trocken. Er ist durch eine große beheizbare Scheibe mit dem Vorraum verbunden, in dem sich das Personal aufhält und in stetem Kontakt mit den Patienten steht. Den Raum betritt jeder Patient einzeln und lediglich in Badebekleidung, mit festem Schuhwerk und einem Mundschutz. Wer schnell zum Frieren neigt, sollte sich zusätzlich mit Handschuhen, Ohrenschützern und Strümpfen einkleiden.
"Je weniger Kleidung man trägt, um so angenehmer wird die Behandlung", so Frank Ruppenthal. Grund: Was nicht am Körper ist, kann auch nicht von der Kälte, von der Verdampfung der Körperwärme feucht werden.
Zunächst wird der Erste von drei Räumen betreten. Um sich an die arktischen Temperaturen zu gewöhnen, sinkt das Quecksilber in den beiden Vorräumen, welche als Schleuse zur dritten und eigentlichen Sektion dient, zunächst auf nur minus 10 und minus 60 Grad Celsius.
In der eigentlichen Kältekammer angekommen, in der jetzt sportliche minus 110 Grad Celsius herrschen, gilt es körperlich aktiv zu bleiben. Damit die Stimmung nicht unter den Nullpunkt sinkt, wird oft mit aufmunternder und schneller Musik gegen die Kälte angegangen. Es wird getanzt, in die Hände geklatscht, sich im Kreis gedreht oder sogar gehüpft. Alles ist erlaubt - Hauptsache, es bleibt niemand wie angewurzelt stehen.
Dies geschieht alles ausschließlich unter professioneller Anleitung und Aufsicht des geschulten Personals, mit denen die Patienten auch in akustischer Kommunikation stehen.
Die Aufenthaltsdauer beträgt von einer bis zu vier Minuten. Danach ist die "Schocktherapie" überstanden und die Patienten kommen meistens überglücklich und strahlend aus dem Tiefkühler wieder in die Wärme zurück.
In der Kältekammer werden Bewegungsübungen absolviert, auch unter Anleitung. Ohne geht's auch nicht. Deshalb ist eine der Voraussetzungen, dass der Patient gehfähig ist.
Wirkung der Kältetherapie
Was diese Glücksgefühle und die Euphorie beim Verlassen der Kältekammer auslöst, ist den medizinischen Fachkräften teilweise weiterhin ein Rätsel. Die einen sind der Meinung, dass die Patienten schlicht glücklich darüber sind, dass sie diese Tortur überstanden haben, andere denken eher an Hormone, welche durch diese Extremsituation freigesetzt werden.
Denn durch diese Extremsituation, dem der Körper ausgesetzt war, werden Energiereserven und Kraftreserven mobilisiert. Diese können vom Körper unter normalen Umständen nicht direkt zur Verfügung gestellt werden, denn das Energiepotenzial mit der Kraft des Unmöglichen liegt größtenteils brach und im Verborgenen und bedarf einer Aktivierung.
Sie geschieht durch die Freisetzung und Ausschüttung von Hormonen wie Kortison, Endorphine und Peptide. Diese Stoffe gelangen direkt in den Blutkreislauf und steigern die Leistungsfähigkeit erheblich. Durch eine intensivere Atmung kommt es gleichzeitig zu einem höheren Sauerstoffgehalt im Blut und fördert die Durchblutung.
Durch die Ausschüttung von körpereigenem Kortison aus der Nebennierenrinde und der verbesserten Durchblutung kommt es zur Schmerzlinderung in den Gelenken.
Akute und chronische Schmerzzustände können somit in kürzester Zeit gelindert oder sogar auch über einen längeren Zeitraum vollständig beseitigt werden.
Hauterkrankungen, die mit einem starken Juckreiz einhergehen – wie die Psoriasis – können durch diesen Mechanismus auch positiv beeinflusst werden. Zudem wirkt die Kälte im Speziellen auf die Haut. Durch den plötzlichen Temperaturunterschied prasselt ein ständiger und extremer Reiz auf die Haut und bringt sie in eine Art Schockzustand. Sie zieht sich blitzschnell zusammen und die Gefäße verengen sich. Dadurch kann es zu einer Linderung des Juckreizes kommen.
"Die Kältetherapie ist besonders für Menschen mit entzündlichen Krankheiten geeignet", so Frank Ruppenthal.
Schmerzen am ganzen Körper werden von der Vereisung in der Kältekammer gelindert. Alles wird extrem stärker durchblutet, auch die Nebennierenrinde, aus der Kortison kommt. Dadurch wird körpereigenes Kortison ausgeschüttet - womit eine niedrigere Dosierung des gefährlichen Medikamentes möglich ist. Außerdem schüttet der Körper mehr Endorphine aus - einfach gesagt: Glückshormone. "Die meisten, die aus der Kältekammer kommen, strahlen über alle vier Backen", lächelt Frank Ruppenthal. Grund sei sicherlich auch, dass jeder stolz ist, sich selbst überwunden und die Tortur überstanden zu haben. Insgesamt wird das Immunsystem gestärkt.
"Wir haben eine einzige Patientin, die überhaupt keine Wirkung der Therapie spürte", berichtet Frank Ruppenthal. "Es gibt aber auch den Fall, dass jemand zwei Jahre lang ohne Beschwerden war."
Wie oft, wie lange?
Die Frequenz und die Dauer einer Therapieserie richten sich nach dem Beschwerdebild. In der Regel handelt es sich bei einer Psoriasis arthritis um zehn bis zwölf Sitzungen bei minus 110 Grad Celsius. Am besten ist, wenn die Patienten zweimal am Tag zur Kältetherapie kommen.
Wirkung und Gegenanzeigen
Frank Ruppenthal warnt auch: "Zu Beginn der Behandlung können alte Zipperlein auftauchen." Er selbst spürte ein altes Schulter-Leiden wieder. "Das gibt sich aber bald wieder."
Nicht hinein darf, wer zu hohen Blutdruck, extreme Platzangst oder ein fortgeschrittenes Stadium des Diabetes mellitus hat.
Kältekammer: Mögliche Nebenwirkungen
Neben den positiven Wirkungen kann es jedoch auch zu weniger angenehmen Nebenwirkungen der Kältetherapie kommen. Patienten berichten von Hautveränderungen, die sich in einer Rötung, in Form von Bläschen oder einem Juckreiz äußern. Zudem kann es zu plötzlicher Platzangst, Schwindelattacken, Atemnot oder einem Anstieg des Blutdrucks kommen.
Auf diese Gegenstände sollte in der Kältekammer verzichtet werden:
- jeglicher Schmuck
- Brillen
- Kontaktlinsen
- Uhren
- Piercings
- Ohrringe.
Vor der Therapie sollten keinerlei Salben oder Kosmetika benutzt werden. Zudem sollte darauf verzichtet werden, kurz vorher zu Duschen oder die Haare zu waschen.
Es sollte nicht die beste Kleidung und die schönsten Schuhe in der Kältekammer angezogen werden, denn durch die extreme Temperatur können manche Stoffe und Materialien brüchig werden, da sie an Elastizität verlieren.
Gut ist, wenn die Patienten zwei Stunden vor und nach der Therapie nicht baden, keine Wärmeflasche oder ähnliche Dinge anwenden, damit der Körper nicht noch feucht ist.
Kosten: Selbstzahler und stationärer Aufenthalt
Die Behandlung in der "klassischen" Kältekammer geschieht meist stationär, geht aber auch ambulant vonstatten. Die ambulante Behandlung hat einen entscheidenden Nachteil: Die Krankenkassen bezahlen sie meist nicht. Jeder muss jeden Einzelfall mit dem Betreuer bei seiner Krankenkasse ausfechten. Dabei stellen sich die Kassen auf den Standpunkt, dass die Wirkung der Kältetherapie nicht wissenschaftlich ausreichend nachgewiesen ist. Wer sich dagegen als stationärer Patient einweisen lässt, kann problemlos die Kälte genießen.
Wer auf Rezept in die Kältekammer will, muss schon sehr gut nach einem seriösen Anbieter suchen. Meist sind es große physiotherapeutische Zentren, die die Kältekammer auch mit einer Verordnung vom Arzt anbieten. Dort lässt man sich am besten beraten, damit klar ist, was auf dem Rezept vom Rheumatologen oder anderen Arzt stehen muss, damit die Kältetherapie auch wirklich von der Krankenkasse übernommen wird.
Die Kosten für Selbstzahler sind in den letzten Jahren vor allem gefallen, weil immer mehr Firmen einen Aufenthalt in der Kältekammer anbieten. Dabei sollte man darauf achten, dass Anbieter sehr unterschiedliche Geräte mit verschiedenen Minusgraden dastehen haben. Die "original" Kältekammern haben -110°C.
Einige Anbieter haben 10er-Karten im Programm. Dann kostet eine Sitzung in der Kältekammer im Durchschnitt etwa 20 bis 25 Euro. Einzeln gebuchte Sitzungen sind entsprechend teurer. Wir haben da Preise um die 40 Euro gesehen.
Kurzgefasst
Wie oft: 10 bis 12 Sitzungen bei minus 110 °C, möglichst 2x/Tag
Gegenanzeigen: zu hoher Blutdruck, extreme Platzangst, fortgeschrittenes Stadium des Diabetes mellitus,
Indikationen: entzündlich-rheumatische Krankheiten, degenerativ-rheumatische Erkrankungen, Hauterkrankungen mit entzündlicher Komponente (also auch Schuppenflechte und Neurodermitis), Schmerzen, Lungenerkrankungen, Asthma bronchiale und Autoimmunerkrankungen, Bandscheibenschaden, Endoprothesen, künstliche Gelenke
Zahlung: Krankenkasse nur, wenn stationäre Behandlung, ansonsten Selbstzahler
Wo Kältekammern zu finden sind
Wer eine Rehaklinik mit Kältekammer an der Ostsee sucht: Die Inselklinik in Heringsdorf bietet die Kältekammertherapie innerhalb eines Reha-Aufenthalts an.
In unserem Adressbuch findet Ihr eine Liste von weiteren Kältekammern. Wer eine Kältekammer in der Nähe finden will, kann bei der Suche im Netz auch die Begriffe Kryotherapie, Eissauna oder Cryosauna benutzen.
Erfahrungen aus unserer Community
➞ "Ich nahm mein Schicksal selbst in die Hand" – Erfahrungsbericht eines Betroffenen von der Therapie seiner Schuppenflechte in der Kältekammer
➞ Test der Kältekammer in der Spessart-Therme in Bad Soden /Saalmünster in unserem Forum
➞ Erfahrungen mit der Behandlung der Schuppenflechte in der Kältekammer in unserem Forum
➞ Erfahrungen mit der Behandlung der Psoriasis arthritis in der Kältekammer in unserem Forum
➞ Erfahrungen mit der Kältekammer-Therapie ohne Angabe der Diagnose in unserem Forum
❄️ Hast du schon einmal eine Therapie in der Kältekammer gemacht? Betroffene freuen sich, wenn du deine Erfahrungen teilst. Oder hast du Fragen dazu? Dann stell sie in unserer Community.
Tipps zum Weiterlesen
➞ Kryotherapie – Informationen bei Wikipedia
➞ Wem eine Kältekammer helfen kann – und wem nicht – Was ist mit Lifestyle-Kältekammern oder Kryo-Saunen, von denen immer mehr eröffnet werden und die eher an eine Tonne erinnern? Die Apotheken-Umschau hat einen Rheumatologen gefragt, was er davon hält und wo sie wirklich helfen. (Apotheken-Umschau, Juli 2022)
➞ Die Kraft, die aus der Kälte kommt – Ein Bericht über die Anwendung der Kältekammer-Therapie in der Inselklinik in Heringsdorf. (Hamburger Abendblatt, 10.06.1998)
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