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Geschichtliches

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Göttliche Ordnung und vernünftiges Töten – Teil 2


Antje

2.075 Aufrufe

Auch wenn es manchmal den Anschein hat, ich bin leider nicht unfehlbar. ;o) Was ich hier so selbstverständlich über grausame Strafen im Mittelalter erzählt habe, muss jetzt eine kleine Zeitverschiebung in die Frühe Neuzeit erfahren. Das ist daher so wichtig, weil die Leute im Mittelalter, denen ja immer wieder Hinterwäldlerdasein und Barbarei nachgesagt wird, damit schon genug zu tragen haben. Da mein tieferes Geschichtswissen 394 n. Chr. mit Theodosius dem Großen endet und erst wieder im 19. Jahrhundert anfängt, war für mich bisher alles dazwischen mehr oder weniger Mittelalter. Nun ist eine meiner Freundinnen Frühneuzeitlerin und belehrte mich eines besseren. Im Mittelalter strafte man zwar auch durch körperliche Züchtigung, aber das Ausmaß an zeremonieller Folterei startete erst in der Frühen Neuzeit. Das ist ziemlich interessant, denn es fällt mit der kleinen Eiszeit zusammen. Verbrechen sah man ja als Vergehen gegen die göttliche Ordnung und man fürchtete die Rache des beleidigten Gottes, die sich in Missernten u.ä. manifestierte. Das heißt, je ausgiebiger man folterte, umso barmherziger würde sich Gott (hoffentlich) zeigen. Die kleine Eiszeit brachte nun einen ganzen Schwung an Missernten und demzufolge Hungersnöten mit sich. Rechnet man noch den 30jährigen Krieg dazu, Glaubenskämpfe und was weiß ich nicht, kann man sich vorstellen, dass die Leute mit ihrem Latein am Ende waren. Teile der Körper der Hingerichteten wiederum versprachen Glück und Schutz. Etwas Blut auf die Tür gestrichen schützte vor Bränden; getrunken konnte es Epilepsie heilen, denn es vertrieb die Dämonen aus dem Körper. Abgeschnittene Finger wurden besonders gern an Bauern verkauft, die sich davon reiche Ernten und fettes Vieh versprachen.

Mit der Aufklärung und dem Wissen, dass die Gesellschaft durch keine göttliche Ordnung zusammengehalten wird, sondern durch eine Art ungeschriebenen Vertrag zwischen den Individuen (nach dem Motto, wir schließen uns vernünftigerweise zusammen und halten Regeln ein, die uns zwar einerseits in unserer Freiheit beschneiden, aber uns andererseits überhaupt erst ermöglichen, unser Leben zu genießen, da wir uns gegenseitig schützen, ernähren und fördern), änderte sich auch die Einstellung zum Verfahren der Todesstrafe. Man ging von dem Menschen als vernünftiges Wesen aus, das prinzipiell keinen Vorteil in einer Straftat sehen konnte, den der Nachteil der Strafe nicht überwog. Wer also trotzdem straffällig wurde, konnte nur als verrückt und wahnsinnig klassifiziert werden, davon war man überzeugt. Pamphlete über Pamphlete wurden darüber verfasst und die Verteidiger lachten sich ins Fäustchen und spielten psychologische Trumpfkarten aus, die ihre Mandanten für nicht zurechnungsfähig erklärten. Die Richter waren nicht blöd und rochen den Braten und verlangten ihrerseits zahlreiche Gutachten. Die Kriminalpsychologie nahm so ihren Anfang und anstatt auf das Verbrechen konzentrierte man sich von nun an auf den Verbrecher (Profiler, CSI etc. lassen grüßen). Immer weniger Todesurteile wurden ausgesprochen und noch weniger vollstreckt. Dazu kam noch, dass ein vernünftiger Mensch natürlich keine Freude an einer öffentlichen Zeremonie des Hinrichtens haben konnte und sollte. Dass die Exekution als Abschreckungsmaßnahme nicht funktionierte, sondern eher das Gegenteil hervorrief, hatte sich inzwischen erwiesen. Die öffentliche Gewalttätigkeit des Staates sanktionierte scheinbar Gewalt und der Anblick von Verstümmelungen etc. führte eher dazu, dass die Leute verrohten und nicht vor Schreck die eigenen Handlungen besser überdachten. Eine Abschaffung der Todesstrafe kam jedoch nicht infrage. Sie gehörte zur Gesellschaft wie das Amen in der Kirche. Ohne sie befürchtete man die totale Anarchie. Auch konnte man sich bei Morden (vor allem an Kindern) kein besseres Strafmaß vorstellen. Diese Zwickmühle wurde durch zwei zweckmäßige Importe behoben. La guillotine gewährte ein schnelles („humanes“), vernünftiges und unspektakuläres Töten und das amerikanische Vorbild der Exekution im nichtöffentlichen Rahmen mit einer ausgesuchten Anzahl männlicher erwachsener Zeugen gewährte die Verschleierung/ Verheimlichung der Staatsgewalt.

Unsere offenbar rein menschliche Freude an Gewaltszenen wird mittlerweile durch das Fernsehen kompensiert; ebenso kursieren genug Videos und Clips zu dem Thema, die nicht zuletzt auch Hinrichtungen bzw. Hingerichtete zeigen.

Mein Wissen habe ich aus der Habilitationsschrift von Jürgen Martschukat (klug und sexy:p) über „Inszeniertes Töten: Eine Geschichte der Todesstrafe vom 17. bis zum 19. Jahrhundert“, 2000.

8 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Gast Dame Edna

Geschrieben

Hallo Antje,

ich habe Deine beiden Beiträge mit Interesse gelesen. Ganz toll - und mehr davon.

liebe Grüße

Elke

Panzer

Geschrieben

Grosses Kino. Danke, An ... tje! Ich ärgerte mich nur über die Klug-und-sexy-Bemerkung. Die Kombination dieser zwei Adjektive nicht auf mich angewandt, macht mich immer eifersüchtig.

Antje

Geschrieben

Ich freu mich, dass euch die Beiträge gefallen. Denke ja ganz oft, dass das hier eigentlich niemanden wirklich interessiert. Aber nun habe ich neuen Auftrieb. :smile-alt:

kuzg1

Geschrieben

Also ich bin stiller Mitleser und warte jedesmal gespannt auf die Fortsetzung ;)

Wäre ich so ungefähr 32 Jahre jünger, wünscht ich mir eine Geschichtslehrerin Deiner Coleur :)

Lieber Gruß - Uli

Antje

Geschrieben

Ja, ich denke auch noch mit Schrecken an Herrn Pommer, meinen Geschichtslehrer. Er hat das Fach mit einer Leidenschaftslosigkeit unterrichtet, die man erstmal aufbringen muss bei dem Thema. Dazu war er noch eine ultrarote Socke und hat uns endlos mit Marxismus/Leninismus gequält. Ich war ziemlich geschockt, als mir mein Neffe erzählte, dass er immernoch am Gymnasium unterrichtet. Nee also ehrlich, die Kinder können einem leidtun. Außerdem ist es ja fast so, als würde man einen alten Nazi Geschichte unterrichten lassen.

Fifty

Geschrieben

HuHu Antje,

Ich freu mich, dass euch die Beiträge gefallen. Denke ja ganz oft, dass das hier eigentlich niemanden wirklich interessiert. Aber nun habe ich neuen Auftrieb

Da ich gerade null Zeit habe um ein Buch zu lesen, kommen deine historischen Zeitreisen in Kurzform gerade recht.

Du hast wirklich ein großes Talent zum Schreiben, aber das weißt du ja;-)

>> Fortsetzung folgt<<

Bitte-:)- Danke-:)-Bitte

Liabs Grüßle nach Potsdam

KeinePanik

Geschrieben

Im Kontext "Glück und Schutz"...

Es sind kaum ein paar Flugstunden und wir sind wieder ganz nah an den Grenzen der mühsam aufgebauten Zivilisation.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,586513,00.html

Auf einer Leiter Richtung Zivilisation sind wir über Tigerpenisse als Potenzmittel ganz schnell wieder in Deutschland, beim Besprechen der Pso :-)

Aber ich will nicht vom Thema wegschweifeln...

Antje

Geschrieben

Zivilisation? Wo? Obwohl ich den Begriff auch für uns weitestgehend in Frage stellen würde, denke ich, dass der Aberglaube in Afrika wirklich zum Haareraufen ist, egal ob das Krankheiten, Beschneidungen, Voodoo oder sonstwas betrifft. Da ist das Monologisieren über unseren Psostellen tatsächlich harmlos.

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